Unternehmerische Freiheit ermöglichen
Im Interview mit Vincent Berckenhagen
Frau Staatssekretärin Connemann, als Beauftragte der Bundesregierung für den Mittelstand engagieren Sie sich mit klarer Haltung für wirtschaftliche Eigenverantwortung und unternehmerische Freiheit. Was motiviert Sie persönlich, sich mit so großem Nachdruck dafür einzusetzen?
Es sind die Familien, die Menschen hinter den Betrieben. Unternehmerinnen und Unternehmer, die Verantwortung übernehmen – für sich, ihre Mitarbeiter und unsere Gesellschaft. Sie können von einer 40-Stunden-Woche nur träumen, denken nicht in Jahresabschlüssen, sondern für Generationen, gehen Risiken ein und schaffen Werte. Ohne sie gäbe es keine Arbeitsplätze, keine Innovationen und keinen sozialen Wohlstand.
Gerade im Mittelstand – und dazu gehört auch das Franchising – wird dieser Unternehmergeist gelebt. Dort trifft Kreativität auf Disziplin und Mut auf Verlässlichkeit. Dieses Rückgrat unserer Wirtschaft verdient nicht nur Anerkennung und Wertschätzung, sondern auch Schutz – des Eigentums, aber auch der unternehmerischen Freiheit.
Ich bin überzeugt: Nur wenn wir unternehmerische Freiheit ermöglichen und Eigenverantwortung stärken, sichern wir langfristig unseren Wohlstand und unsere wirtschaftliche Stabilität. Deshalb kämpfe ich mit Leidenschaft für eine Politik, die nicht bremst, sondern entfesselt – im Sinne derer, die unser Land Tag für Tag mitgestalten.
Sie haben selbst juristisch gearbeitet, politische Verantwortung übernommen und sind in der mittelständischen Praxis Ihrer Heimatregion und darüber hinaus tief verwurzelt. Inwiefern prägt dieser Hintergrund Ihren Blick auf Menschen, die wirtschaftlich Verantwortung übernehmen – etwa als Unternehmer innerhalb eines Franchisesystems?
Ich habe auf dem Hof unserer Eltern erlebt, welche Verantwortung, welche Probleme, aber auch welche Freiheiten mit dem Unternehmertum verbunden sind. Später habe ich mich als Rechtsanwältin selbstständig gemacht. Der Mittelstand zieht sich also wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich weiß, was es heißt, mit dem eigenen Vermögen für Entscheidungen geradezustehen. So ist es ja bei Einzelunternehmern und Personengesellschaften. Und das ist das Gros des Mittelstandes. Eine falsche Entscheidung kann die Altersvorsorge kosten. Auch deshalb habe ich gewaltigen Respekt vor der Lebensaufgabe, der sich Mittelständler tagein, tagaus stellen. Das gilt auch und gerade im Franchising. Hier übernehmen Menschen mit viel Einsatz ein erprobtes Konzept und füllen es mit lokalem Leben. Franchisenehmerinnen und -nehmer sind beides: Unternehmer mit Eigenverantwortung und Teil eines größeren Ganzen.
Die Franchisewirtschaft zählt heute zu den stärksten und dynamischsten Geschäftsmodellen in Deutschland: über 800 000 Beschäftigte, rund 150 000 Unternehmer, fast 150 Milliarden Euro Umsatz. Welche Rolle schreiben Sie diesem etablierten und zugleich wachstumsorientierten Modell in der wirtschaftspolitischen Strategie der kommenden Jahre zu?
Franchising ist längst kein Nischenmodell mehr – es ist ein starker Motor unserer mittelständischen Wirtschaft. Die Zahlen sprechen für sich: Hinter jedem dieser 150 000 Franchise-Unternehmen stehen Menschen, die unternehmerisch denken, investieren und Arbeitsplätze schaffen.
Gerade in einer Zeit, in der wir neue Gründerinnen und Gründer brauchen, kann Franchising ein Türöffner sein. Es senkt die Einstiegshürden, bietet Sicherheit durch erprobte Konzepte und stärkt zugleich regionale Wirtschaftskreisläufe. Das ist besonders wertvoll für den ländlichen Raum, wo neue Impulse oft dringend gebraucht werden.
Deshalb gehört Franchising für mich klar zur Mittelstands- und wirtschaftspolitischen Strategie der Zukunft. Mit ihrer hohen Arbeitsplatzintensität und regionalen Verankerung kann die Franchisewirtschaft einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes und zur Stärkung der Binnennachfrage leisten – beides zentrale Faktoren für nachhaltiges Wirtschaftswachstum.
Im vergangenen Jahr konnten die deutschen Franchisesysteme im Durchschnitt sechs neue Franchise-Unternehmer gewinnen – für 2025 sind im Schnitt acht neue Partner pro System geplant. In einer Phase rückläufiger Gründungszahlen zeigt sich damit: Franchising schafft messbar neues Unternehmertum – auf Basis erprobter Konzepte, aber mit eigenständiger Verantwortung. Welche Bedeutung messen Sie diesem kooperativen Unternehmertum für die wirtschaftliche Entwicklung und Standortstabilität in Deutschland bei?
Diese Zahlen sind ein starkes Signal – und sie zeigen: Franchising ist ein echter Wachstumstreiber für das Unternehmertum in Deutschland. Und den brauchen wir auch im Bereich von Gründungen. Zwar steigt die Anzahl der Gründungen seit zwei Jahren wieder leicht an. Aber der Franchisewirtschaft gelingt es noch leichter, Menschen für die Selbstständigkeit zu gewinnen. Warum? Weil sie Mut mit einem soliden Fundament verbindet.
Kooperatives Unternehmertum, wie es im Franchising gelebt wird, vereint das Beste aus zwei Welten: die Freiheit des eigenen Unternehmens mit der Stärke eines bewährten Netzwerks, Eigenverantwortung mit einem tragfähigen, skalierbaren Geschäftsmodell. Das schafft Stabilität, gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten – für die Gründer selbst, für Beschäftigte und für ganze Regionen. Deshalb ist Franchising ein wichtiger Teil einer vielfältigen Gründungskultur.
Die größten Herausforderungen für Franchise-Unternehmen sind aktuell Bürokratie, Finanzierungshürden und Fachkräftemangel – strukturelle Probleme, die nicht systemintern gelöst werden können. Welche politischen Weichenstellungen halten Sie für erforderlich, damit unternehmerische Rahmenbedingungen wieder planbar und verlässlich werden?
Das, was Franchise-Unternehmen belastet, betrifft den gesamten Mittelstand – aber oft in besonderer Weise. Denn wer als Franchisegeber expandieren oder als Franchisenehmer neu starten will, braucht vor allem gute Rahmenbedingungen und Strukturreformen. Dazu gehören:
1. ein echter BürokratieRÜCKbau. Nicht nur in Sonntagsreden, sondern spürbar im Alltag. Das heißt: weniger Berichtspflichten, kürzere Genehmigungsprozesse, mehr digitale Verfahren statt Papierkrieg. Dafür setzen wir auch auf das Konzept des Praxischecks.
2. bessere Finanzierungsmöglichkeiten, insbesondere für Gründerinnen und Gründer. Die Hürden bei der Kreditvergabe müssen gesenkt, Förderinstrumente vereinfacht und auf die Realität von Franchisegründungen zugeschnitten werden. Wer ein erprobtes Konzept übernimmt, bringt oft mehr Stabilität mit als klassische Start-ups – das muss auch die Finanzpolitik anerkennen. Unser Ministerium trägt dem Aufbau des Förderkreditangebots u. a. mit dem ERP-Wirtschaftsplangesetz Rechnung. Neben den ERP-Krediten gibt es zudem die Bürgschaftsprogramme der Bürgschaftsbanken und die Mezzanine-Finanzierungsprogramme.
3. eine Fachkräftestrategie. Dazu gehört die gezielte Qualifizierung im Inland, aber auch eine moderne Einwanderungspolitik, die den Zugang zu internationalen Talenten erleichtert. Dafür bereiten wir aktuell das Konzept für eine „Work-and-Stay“-Agentur vor – zentral, digital, mit mehr Tempo bei Anerkennung und Verfahren.
Liebe Frau Connemann, wir danken herzlich für diesen Austausch!

Gitta Connemann
ist seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2025 Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, zudem die Beauftragte der Bundesregierung für den Mittelstand. Seit 2021 amtiert sie als Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion.



